Schauspielhaus
Lenz
Sa, 31. Okt. 19:30 Uhr
Noch nicht verfügbar.

Theaterplatz
53177 Bonn - Bad Godesberg
0228 77 8001

Schauspiel
Georg Büchner



In Zeiten der weltweiten Virus-Pandemie setzen wir uns mit einer anderen Krankheit auseinander: mit dem des Krank-werdens an der Welt, des Leidens an einem als ungerecht empfundenen gesellschaftlichen Zustand und der Verzweiflung, dafür keine Linderung bewirken zu können:
Am 9. März 1835 flieht Georg Büchner nach Straßburg, am 13. Juni erscheint ein Steckbrief, der ihn zur Strafverfolgung ausschreibt. Der Grund: die Abfassung seiner Flugschrift „Der Hessische Landbote“, die zum gewaltsamen Aufstand aufrief und seine Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung namens "Gesellschaft für Menschenrechte".
Büchner entdeckt bei seinem Aufenthalt in Straßburg die Figur eines anderen Flüchtlings, der sich ein halbes Jahrhundert zuvor dort aufgehalten hatte: Jakob Michael Reinhold Lenz.
Büchner muss zu dem Sturm-und-Drang-Dichter Lenz eine tiefe Verwandtschaft gespürt haben: Wie Lenz erlebt er die tiefen Widersprüche seiner Zeit in ihrer vollen Schärfe. Der Autor Lenz macht die sozialen Unterschiede zwischen den niederen Ständen und den gebildeten Klassen zum Gegenstand von Literatur in einer Phase, in der die Klassiker die Emanzipation des Bürgertums vom Feudalismus höchstens literarisch vorbereiten. Lenz will mehr, aber findet keinen Raum zum Handeln. Daran geht er zugrunde, verfällt in Wahnsinn. Fünfzig Jahre später dringt Georg Büchner auf die praktische, aber auch gewaltsame Auflösung des Gegensatzes zwischen "Armen und Reichen" zu einer Zeit, da in den deutschen Kleinstaaten nicht einmal eine bürgerliche Revolution bevorsteht. Beide Autoren zahlen einen hohen Preis für ihr Engagement: Verhaftung, Verbannung, Flucht in den Wahnsinn. Und so ist Büchners Beschäftigung mit Lenz in seinem einzigen, 1839 posthum veröffentlichten, Prosatext, immer auch eine Konfrontation mit dem Schicksal eines Menschen, der an der Welt und ihrer Ordnung verzweifelt.
Büchners Erzählung schildert den Dichter Lenz als zutiefst verunsicherten, dem Tode näher als dem Leben stehenden Sinnsucher. Er befindet sich auf einer Reise in das Bergdorf Waldbach. Büchner begleitet ihn auf seiner Winterwanderung durch das verschneite Gebirge, dessen Unwirtlichkeit und Kälte Lenz nicht spürt. Das Gefühl für Raum und Zeit geht ihm zunehmend verloren. Seine Depressionen und Wahnvorstellungen fressen ihn von innen auf. Die eigene Erschöpfung dringt nicht mehr in sein Bewusstsein. Der Abend bringt ihm Einsamkeit und Angst, seine Schritte werden ihm wie „Donnergrollen“, es ist ihm, als „jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm“. Lenz, selber Pfarrerssohn, findet endlich bei Pfarrer Oberlin im Elsass Zuflucht. Dessen Aufzeichnungen über Lenz’ damaligen Aufenthalt, den Ausbruch und Verlauf seiner Krankheit bis zum gewaltsamen Abtransport nach Straßburg entdeckt Büchner im Sommer 1835, im Jahr seiner Flucht.
Er macht Lenz in seinem einzigen Prosastück auch zum Sprachrohr eigener kunsttheoretischer Überzeugungen und lässt ihn sagen: man „senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder – in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel". Die Bescheidenheit vor der Natur, vor dem Geschaffenen, vor dem Rohmaterial, die sein Lenz fordert – "ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist" – diese Demut legt Büchner auch gegenüber Oberlins Vorlage an den Tag, die er zum Teil wörtlich als Text – „Material“ übernimmt.
Auf weite Strecken liest sich Büchners Erzählung, als sei er von dem Wahnsinn angesteckt, den der historische Lenz so wehrlos erlitt. Er übersetzt Lenz‘ Atem und Ausweglosigkeit in Sprache: "Die Welt, die er hatte nutzen wollen, hatte einen ungeheuren Riss; er hatte keinen Hass, keine Liebe, keine Hoffnung – eine schreckliche Leere, und doch eine folternde Unruhe, sie auszufüllen. Er hatte nichts.“
Armin Petras, einer der wichtigsten deutschen Regisseure und Autoren seiner Generation, wird sich mit seiner Annäherung an Lenz und Büchner zum ersten Mal am Theater Bonn vorstellen.

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